Winterzeit mit 15-Watt-Birnen

Die dunkle Jahreszeit macht manchem älteren Menschen zu schaffen. Die Tage sind kurz, oft trüb, Nebel, Regen, Matsch oder gar Glatteis können wohl auf' s Ge­müt schlagen und die Begeisterung für tägliche Spaziergänge dämpfen. Nur in den größeren Ortschaften unserer Ge­meinde leuchten abends Straßenlaternen, helle Schaufenster und Leuchtreklame. In den kleinen Dörfern herrscht tiefe Nacht. Nur an den Bushaltestellen und neuer­dings den Informationstafeln geben kleine Lampen etwas Licht. Dafür können wir in wolkenloser Nacht einen unendlich gro­ßen Sternenhimmel sehen und, wie Matt­hias Claudius in einem Gedicht sagen:

„Ich sehe oft um Mitternacht, wenn ich mein Werk getan und niemand mehr im Hause wacht, die Stern' am Himmel an".

Mitten in dieser dunklen Zeit liegen Ad­vent und Weihnachten mit viel Kerzen­licht, beleuchteten Tannenbäumen und den Schwippbögen in den Fenstern. Sie hellen das Dunkel in und um uns auf.

Trotz steigender Energiepreise wollen wir darauf nicht verzichten, und wenn wir doch notgedrungen sparen müssen, leuchtet sicherlich wohl in der Nachbar­schaft weihnachtliche Beleuchtung, an der wir unser Gemüt wärmen können. Die älteren Leser erinnern sich sicher an die Zeit vor 1950 mit Stromsperren und viel Sparsamkeit beim Stromverbrauch. Nur wenige Lampen brannten gleichzeitig, so wenig wie möglich, alle mit geringer Watt­zahl. Die 15-Watt-Birne genügte. So gab es in meiner Kinderzeit auf der Diele un­seres Bauernhauses drei Lampen dieser Größenordnung, die aber kaum alle drei gleichzeitig eingeschaltet wurden. Aber unsere Tiere fühlten sich im Winter auf ihrem Strohlager wohl. Es war warm und dämmerig auf der Diele. Heu- und Stroh­vorräte lagerten oben unter dem Dach auf dem sogenannten Balken, dem großen

Bodenraum unter dem Strohdach. Bei starkem anhaltenden Frost deckte man das Balkenloch mit einigen Schoof Stroh ab. Ein Schoof Stroh, der Begriff kommt von zusammengeschobenen Halmen, manchmal, je nach Komfort der Dresch­maschine, noch mit einer Handvoll Stroh­halme zusammen gebunden. Erst in den Jahren nach 1950 kannten wir Stroh­bunde, die von der Dreschmaschine mit Sisalband geschnürt wurden.

Wir Kinder halfen an den Winternachmit­tagen bei den Vorbereitungen zur Abend­fütterung. Bevor es dunkel wurde, hatten wir Heu vom Balken zu werfen und Stroh aus dem Fach in der Scheune zu holen. Aber zuerst bekamen die Kühe ihre Run­kelrübenportion. Bis zum Frost konnten jedoch noch Stoppelrüben frisch vom Acker verfüttert werden. Die Rüben beka­men die Kühe fein säuberlich geschrappt und von braunen, halb vergammelten Blattstielen befreit. Mit einem scharfen S-förmigen gestielten Messer zerteilten wir die Rüben so weit, dass den Tieren nichts im Halse stecken bleiben konnte. Je nach Futtervorrat, bekamen die Tie­re auch Dickstrunkkohl, kurz Blaukohl genannt. Die langen Stiele wurden mit einem Beil auf dem Hackklotz in kurze Enden geschlagen und den Tieren mit der großen Futtergabel zugeteilt. Später be­kamen sie auch mit einer kleinen Schüp­pe Mehl dazu. Der Rübenschneider mit dem großen Schwungrad, später auch mit einem Motor versehen, erleichterte die Futterzubereitung. Erst danach erhielten die Kühe Heu vorgeworfen, schön mit der Heugabel aufgeschüttelt. Beim morgend­lichen Füttern sah man vor der Sonne, die durch die bunten kleinen Oberlichtschei­ben schien, die Staubpartikel tanzen. Schön sahen sie im roten oder gelben Lichtstrahl aus. „Fege mal eben den Kü­hen zu", hieß es häufig, denn keiner Kuh mutete man einen langen Hals und eine sich ausstreckende Zunge zu, wenn das Futter aus dem nahen Bereich verzehrt

war. Nach dem Heu erhielten die Kühe ihr Trinkwasser. Wir Kinder pumpten mit der Handpumpe ein großes Bassin voll, aus dem das Wasser dann in die Futterrinne lief. Nach 100 Pumpenschlägen wechsel­ten wir uns ab. Bei dieser Arbeit konnte man prima zweistimmig singen oder auch Verstecken spielen, wobei der hunderts­te Pumpenschlag durch den Schrei „Ich komme!" ersetzt wurde. Mein Lieblings­versteck war der große Heu- oder Stroh­haufen, in den ich ganz hinein kroch. Bald wurden Selbsttränkebecken installiert, die sich aus dem voll gepumpten Bassin fül­len ließen, aber dann gab es auch bald eine elektrische Hauswasserpumpe. Der Fortschritt war eingezogen, die Kinder herangewachsen und ausgeflogen. Die letzte Arbeit des Tages war immer das „Zufegen", damit die Tiere auch in der Nacht noch fressen konnten. Sie lagen dann ruhig und stöhnend beim Wieder­käuen auf ihrem Strohlager. Manchmal machten es sich die Katzen zwischen ih­nen gemütlich. Die beiden Pferde, Lotte und Run, (der Name des Wallachs), füt­terte Opa selbst. Nicht einmal Heu durften wir ihnen in die Raufe werfen. Und gerne sah er auch nicht, wenn wir in der Hafer­kiste wühlten. Die Haferkörner gleiten so schön durch die Hände, ein besonderes Wohlgefühl. Er befürchtete, wir könnten Körner verstreuen.

Wenn ich zurück erinnere, wie gering das Ausleuchten dieses Hauptarbeitsplatzes war, das Bauernhaus hatte im Stall nur recht kleine Fenster, die Dielentür in der kalten Jahreszeit nur über Mittag ein Stück geöffnet, so wundere ich mich über die Geländegängigkeit aller Hausbewohner. Aber man wusste um alle Stolpersteine, alle Unebenheiten. Über Lichtmangel klagte man nicht, wusste doch jeder, dass nach dem 21. Dezember der Tag wieder länger wird und mit jedem Tag die Sonne höher steigt.

Gerda Bösch

Auch bei den Kühen im Stall reicht heutzutage eine 15-Watt-Birne nicht mehr. Die Arbeiten im Haus und Stall können bei wesentlich besseren Lichtverhältnissen ausgeführt werden.
Statt Runkelrüben, Stoppelrüben und Dickstrunkkohl lasen sich die Kühe jetzt Maissilage schmecken. Auch bekommen sie Mehl dazu.              
Bilder. Privat

 

Weihnachten - Die Christbaumkugel

 

 

Meine Geschichte hier im Gemeindespiegel handelt von einer Christbaumkugel. Sie hängt an unserem Tannenbaum, wie noch so einige andere, und ist aus Glas. Somit ist diese sicherlich zerbrechlich, aber sie hat den Härtetest durch unseren Jüngsten überstanden. Unser Jüngster ist 13 Monate alt und findet Weihnach­ten scheinbar genauso toll wie unser Großer, dreieinhalb Jahre, beide aus wahrscheinlich unterschiedlichen Grün­den. Unser Großer fieberte bereits den ganzen Dezember, dem 24. entgegen. Der Kleine ahnte und wusste von nichts. Heiligabend: Erst zur Kirche, danach die Bescherung. Alle vier in die gute Stube und da steht er: Unser Tannenbaum, dar­unter viele Geschenke. Also erst Lieder singen, ein Gedicht aufsagen und dann endlich die Geschenke begutachten. Unser Großer darf bei allen mithelfen beziehungsweise allein auspacken. An­gehimmelt wird er dabei die ganze Zeit von seinem Bruder, der auf den noch verpackten Paketen sitzt oder auf dem Geschenkpapier der bereits ausgepack­ten. Herrlich schimmerndes, gold-silbern glänzendes Papier und Geschenkband.

Damit kann man supertoll spielen. Natür­lich hat er auch sein Feuerwehrauto mit ausgepackt und ist kurz damit gefahren. Alles andere fand er allerdings interessan­ter; wie gesagt: Seinen Bruder, Papa und Mama, Papiergewusel und - Christbaum­kugeln. Ich glaube, zuerst traute er sich nicht, den Baum, geschweige denn die Kugeln zu berühren. Er saß auf seinem Pamperspopo, überlegte und krabbelte dann doch das kleine Stück zum Baum. Die kleine Hand wurde ausgestreckt und schnell zurückgezogen, als Papa und Mama „Nein" sagten. Ein vorwurfsvoller Blick über die Schulter zu den eben ge­nannten folgte. Kleinen Augenblick war­ten - keiner guckt - schnell wiederholen. Fünf Finger schnellen nach vorn, berühren eine Kugel und mit glänzenden, freudestrahlenden Augen wird beobachtet, wie diese hin- und herschwingt. Er gluckst vor Freude über diese Kleinigkeit, und das Spiel wiederholt sich ein paar Mal. Kann man dann noch Nein sagen, ich nicht. Ab jetzt wird nur aufgepasst, dass der Baum nicht über Kopf geht. Irgendwann hält er die Kugel fest, betrachtet sie ge­nau, und man wundert sich, wie stabil dieses Kleine etwas aus Glas ist, noch ein kleiner Ruck und Iosgelassen, bau­melt dann ja wieder. Die Kugel hat somit sein Prüfsiegel erhalten und darf ab jetzt unbeirrt am Tannenbaum hängen. Scha­de, dass es nächstes Jahr anders ist. Der Weihnachtsbaum wird bestimmt noch be­staunt, aber wohl nie wieder so intensiv wie noch zu diesem Fest. Dafür wird es zum Glück viele andere schöne Momente geben, die uns unsere Kinder bescheren, wie ich an unserem Großen sehe.

Tanja Schürman

 

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